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Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 7.5.2013
Kohlschwarzer Blues und Höhenflüge
07.05.2013 | 13:27 Uhr

Der Video-Clip zu „Carbon“ mit dem Dorstener Kohle-Titan-Flötisten Thomas Döller und Gitarrist Jürgen Schwalk entstand stilsicher vor der Dampfmaschine von Fürst Leopold: eine kohlschwarze Blues-Improvisation.
Foto: André Elschenbroich

Mit „Carbon“ von Thomas Döller und Jürgen Schwalk beantwortet ein feines Duo-Album gekonnt-experimentell die Frage des Kulturhauptstadtjahres: „Wie klingt Kohle?“
Es war eines dieser grundsympathischen „Local Heroes“- Projekte des Kulturhauptstadtjahres. Mehr noch: es war eines unter allzu vielen Klangexperimenten der „Crossover“-Musik, das nicht bloß verstörte oder bemüht wirkte. Nein, Thomas Döllers Antwort auf die Frage „Wie klingt Kohle?“ wusste zu bezaubern.
Wer das mit stehenden Ovationen gefeierte Konzert während Dorstens „Local Hero“-Woche im Überangebot dieser sieben September-Tage 2010 verpasst hatte, der kann jetzt mit dem Album „Carbon“ die Klang-Flöze des Duos Thomas Döller und Jürgen Schwalk erschließen. Und diese CD ist weit mehr als eine Reprise des Auftritts in der Hervester Kreuzkirche. Damals firmierten der Flötist und der Gitarrist noch unter dem Namen ihres Patrons Alexandre Tansman – und boten ein entsprechendes Programm von Impressionismus bis zum Tango nuevo Astor Piazzollas.
„Carbon“ dagegen präsentiert überwiegend Kompositionen Jürgen
Schwalks – durchaus geprägt von der Vorliebe des Duos für den eleganten Impressionismus ihres polnischen Patrons. Und die Kohle-Flöten, von denen Thomas Döller inzwischen eine kleine Instrumentenfamilie schuf – mit Mundstücken für den Titanrohr-Tieftöner wie für die silberne Konzertflöte? Nach zweieinhalb Minuten der Auftakt-Komposition „Volver“ und einem meditativ-getragenen Gitarren-Vorspiel setzt sie erstmals zum Höhenflug an.
Von ferne grüßt Fleetwod Mac
Zwei Musiker können mit einer vielfarbigen Palette malen: „Funky“ lässt das Titanrohr groovy grollen. Jürgen Schwalk holte dazu seine schöne dunkle Gibson aus dem Koffer: für einen entspannten Ausflug zum Jazz-Rock. Mit der zehnminütigen Improvisation „Carbon“ glänzte das Duo auch schon als „Local Heroes“: glockenhelle Saiten-Arpeggien kontrastieren mit dem wahrlich kohlschwarzen Sub-Bass der Titanflöte. Das Duo lässt sich Zeit, um Fahrt aufzunehmen für diesen Dampfmaschinen-Blues, bei dem aus der Ferne „Oh, well“ von den frühen Fleetwood Mac grüßt.
Für „Machine“, das viel sonniger klingt, als der Titel vermuten lässt, nutzt Thomas Döller seinen Titan-Tieftöner als Percussions-Instrument – angeschlagen natürlich mit einem Kohlebrocken. Nur bei „Transversal II“ verzichtet die feine „Carbon“-CD auf gediegenen Flöz-Sound. Stattdessen duettiert Jürgen Schwalk mit sich selbst: ein Funkenflug zwischen iberischer Tradition und melodischer Jazz-Gitarre. Dazu im Begleitheft das Versprechen Thomas Döllers: „Unsere musikalische Reise mit dem Klang der Kohle ist noch lange nicht beendet.“
Erhältlich ist die CD „Carbon“ über die Webseite thomasdoeller.de.
Von Ralph Wilms
Akustik Gitarre 4/06
DUO ALEXANDRE
TANSMAN
Novelettes
(La Déesse)

Thomas Döller (Flöte und Alt-
Flöte) und Jürgen Schwalk (Gi-
tarre) beginnen und enden mit
je einem Stück des Mexikaners
Eduardo Gamboa (geb. 1960),
eigentlich für Flöte und Streich-
trio, durchaus originell mit
Folkloreeinflüssen und fast für
die Gitarre geschaffen, allemal
ein Repertoire-Tipp. Den einen
großen Block bildet Piazzollas
,Histoire du Tango', die vier Ge-
nerationen seiner Musik dar-
stellt. In dieser virtuosen Auf-
nahme kommt verdienstvoller-
weise endlich auch dessen Ironie
zum Vorschein. Vom Namenspat-
ron des Duos stammt der andere
große Block. Alexandre Tansman
(1897-1986), französischer Kom-
ponist polnischer Abstammung,
wird gerne als neoklassizistisch bezeichnet. Dabei besaß er viel interessantere Seiten, besann sich
zunächst auf seine polnischen und hebräischen Wurzeln, um dann musikalische Funde seiner Reisen auszuwerten, zum Beispiel Blues-
oder Gamelanmusik. Ein Georg
Capellen (1879-1934) hatte
schon 1906 einen neuen Musik-
stil eingefordert, nämlich die
,Weltmusik', und Tansman liefer-
te genau das, freilich mit seiner
eigenen persönlichen Note. Das
erklärt, warum er so selten auf-
geführt, geschweige denn ver-
standen wird - und erklärt
zugleich die Namensgebung des
Duos. Es war offenbar die Lust
auf Neues. Freilich ist dies keine
genuine Gitarrenmusik; die hier
vorgestellten kurzen ,Novelettes’
(etwa: Neuheitchen) sind ur-
sprünglich Klavierstücke, die Ga-
melan, Polnisches, Zigeunermu-
sik, abstrahierten Country-Blues,
Fuge (mit radikaler Polyphonie)
und anderes kurz und geistreich
skizzieren. Zauberhafte Musiken,
zauberhaft gespielt, einfach
Pflichthörstücke.

Wieland Ulrichs
27.03.2003 / Westdeutsche Allgemeine Zeitung WAZ, (Lokalausgabe Dorsten)

Weltreise in Miniaturen
für Flöte und Gitarre
Neue CD des Duo Alexandre Tansman
 
Von Ralph Wilms, Dorsten.
 Das Studio heißt "La Déesse" und die Musik klingt in der Tat göttlich. Dabei benannte Jürgen Schwalk die heimische Klangwerkstatt "nur" nach seinem alten Citroen DS: Der Kempener Gitarrist und Thomas Döller, sein Dorstener Kompagnon an der Querflöte, haben ihre zweite CD zu zweit eingespielt.

  Ihr Duo heißt "Alexandre Tansman", und seinem polnischen Patron mit Wahlheimat Paris ist auch der größere Teil des einstündigen Silberlings gewidmet. Eine "Weltreise auf Schmalfilm" inspirierte die beiden Lehrer schon
vor Jahren, die Spuren des vielsprachig begabten Klavier-Virtuosen aufzunehmen.
 Der vor 16 Jahren verstorbene Alexandre Tansman war im Paris der 20er und 30er Jahre ein Liebling der mondänen Welt, der begierig und gekonnt die musikalischen Strömungen seiner Zeit aufsog: vom Impressionismus bis zu Jazz und Modetänzen. 1932/33 unternahm er eine konzertierende Weltreise, von der er noch als hochbetagter Maestro zu schwärmen wusste.
Der 44-jährige Thomas Döller und der 38-jährige Jürgen Schwalk sahen Jahrzehnte später die TV-Dokumentation, mit eingeschnittenen Bildern, die Tansman einst selbst auf Schmalfilm kurbelte: Dieses Reisetagebuch, komponiert für Klavier und genannt "Le Tour du Monde en Miniature", wollte der Flötist für sein Instrument plus Gitarre arrangieren.
 Die Zwei, die seit ihren Studenten-Tagen an der Essener Folkwang-Hochschule gemeinsam musizieren und sich aufs scheinbar Selbstverständlichste ergänzen, nahmen sich viel (Frei-)Zeit für Transkription, Arrangement, das Einrichten des eigenen "Déesse"-Studios und die Aufnahmen.
 Jede der 15, oft nur eine Minute kurzen Miniaturen ist der Mühe wert: Tansman war ein früher "Weltmusiker", der alle erdenklichen Musizier-Traditionen seiner eigenen eleganten Kunst anverwandelte. Und seine Luxusliner-Route ließ keine Wünsche offen, führte von Hollywood über Hawaii nach Japan, durch die Exotik Asiens und Ägyptens gen Napoli.

 Nach Noten übersetzt reicht diese Weltreise vom sacht jazzigen "Coconut Grove" über Vogelstimmen-Imitationen (auf dem Markt von Shanghai), bis zur
vertrackten Rhythmik balinesischer Gamelan-Klänge und schließlich zur neapolitanischen Tarantella. Das klingt in diesen zündenden Arrangements so schlüssig, als hätte der Klaviervirtuose Tansman für Flöte und Gitarre komponiert.
 Der Kunst- und Musiklehrer Thomas Döller gestaltete dazu ein attraktives Begleitheft mit kurzgefasst-kundigen Texten und eigenen Aquarellen dieser musikhistorischen Weltreise - die übrigens mit den Tansman-Miniaturen nicht beendet ist.
Gitarrist Jürgen Schwalk arrangierte Isaac Albeniz' "Suite Española" für das Duo: Andalusien aus Sicht eines Romantikers. Und am Schluss setzt der moderne Impressionismus des jungen Argentiniers Máximo Diego Pujol mit seiner "Suite Buenos Aires" markante Akzente: eine Entdeckung. Wie die gesamte CD!